Buch-Tipp: Fritz Simons systemischer Blick auf Familienunternehmen

Familienunternehmen haben - anders als sonstige Unternehmen - mit besonderen Paradoxien, Dynamiken und Konflikten zu tun. Warum das so ist? Weil sich zwei dynamische Systeme mit unterschiedlichen Regeln überlagern - die Familie und das Unternehmen. Was das konkret bedeutet und wie betroffene Familien damit umgehen können, erfährt man in Fritz B. Simons Buch “Eine Einführung in die Theorie des Familienunternehmens” (Carl-Auer).

Obwohl mehr als zwei Drittel aller deutschen Unternehmen Familienunternehmen sind, gibt es bisher nur Grundzüge einer wissenschaftlichen Theorie, die diese besondere Vermischung von Familie und Unternehmen beleuchtet. Mit seinem Buch “Einführung in die Theorie des Familienunternehmens” (Carl-Auer) entwirft Fritz B. Simon auf Basis von Systemtheorie und Konstruktivismus eine, wie er es nennt, Landkarte, an der sich all jene orientieren können, die mit Familienunternehmen zu tun haben: Berater, Forscher, Familienmitglieder, Unternehmensmitglieder etc.

Familientherapeut + Organisationsberater

Fritz B. Simon ist Systemischer Organisationsberater, Psychiater, Psychoanalytiker, systemischer Familientherapeut und Gründungsprofessor für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke. Wer könnte also geeigneter sein, eine Theorie des Familienunternehmens unter besonderer Berücksichtigung all jener Dynamiken, Paradoxien und Konflikte, die Familien mal so an sich haben, zu verfassen? Eine kurze Zusammenfassung:

Regeln von Familien und Unternehmen gegensätzlich

Simon leitet mit Überlegungen zum Sinn einer Theorie ein, macht einen kleinen Ausflug in die Systemtheorie (keine Angst!) und stellt Überlegungen zu einer Definition von Familienunternehmen an. Zentral ist das zweite Kapitel, in dem Simon aufzeigt, inwiefern die Familie und das Unternehmen zwei unterschiedliche soziale Systeme sind, die nach unterschiedlichen Spielregeln funktionieren. Während in der Familie eher emotional und personenbezogen entschieden wird, entscheidet das Unternehmen sachbezogen und rational. Für Familienunternehmen hat das bestimmte Paradoxien zur Folge:

“Wer in einem Familienunternehmen Verantwortung für Familie und Unternehmen trägt, muss also - ob er sich dessen bewußt ist oder nicht - zwei gegensätzlichen Spielregeln und Logiken gerecht werden: der familiären und der betriebwirtschaftlichen Rationalität. Sie schließen sich zwar nicht prinzipiell gegenseitig aus, aber sie sind mit einem hohen Konfliktpotenzial verbunden.”

Richtig und falsch: Pragmatische Paradoxien

Aus diesem Dilemma folgt ein weiteres, das der sogenannten pragmatischen Paradoxien. Es bedeutet, dass die “richtige” Wahl die “falsche” ist und die “falsche” die “richtige”. Oder: Was aus familiärer Sicht gerecht sein mag, ist oft für das Unternehmen nicht richtig und umgekehrt. Eine Paradoxie, die oft bei der Frage der Unternehmensnachfolge zutage tritt, wenn zwischen geschwisterlicher Gleichheitsforderung und Kompetenzunterschieden abzuwägen ist.

Familienporträt, zwei Eltern, fünf Kinder, vermutlich in den 1970er Jahren aufgenommen

Wie geht man nun als Entscheider*in in einem Familienunternehmen mit dieser Paradoxie um? Simon macht klar, dass pragmatische Paradoxien nicht logisch entschieden werden können und dass man als Verantwortliche die Unentscheidbarkeit bewusst akzeptieren muss. Wie das konkret geht, zeigt der Autor an einigen konkreten Beispielen auf. Dabei geht es um Tradition vs. Innovation, Gleichheit vs. Ungleichheit, oder um den Gegensatz von personenbezogener vs. sachbezogener Kommunikation.

Erfolgreiche Familienunternehmer*innen müssen Widersprüche aushalten

Gegen Ende des Buches gibt Simon tatsächlich ein paar Tipps für Familienunternehmer*innen. Einer davon lautet, sich nicht von den Paradoxien verrückt machen zu lassen, sondern sie ein Stück weit auszuhalten und die Symmetrie zwischen beiden Systemen zu wahren.

  • Fritz B.Simon “Einführung in die Theorie des Familienunternehmens”, Carl-Auer Compact, Heidelberg 2012.

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