Berührend und warmherzig schildert Vera Zischke in ihrem neuen Roman, wie eine eigenwillige Hausgemeinschaft aus der Not heraus die Verantwortung für den “merkwürdigen Jungen” aus ihrem Haus übernimmt. Ein Plädoyer für mehr Integration, Menschlichkeit und soziale Netzwerke.
Die alleinerziehende Pina lebt mit ihrem Sohn Leo, 20, zusammen in einer Wohnung in Wuppertal. Leo, intellektuell beeinträchtigt auf Grund einer Autismus Spektrum Störung, arbeitet in einer Behindertenwerkstatt, wohin er jeden Tag mit einem Bus gefahren wird. Seine Mutter bringt ihn also jeden Tag zur Bushaltestelle und holt ihn dort wieder ab.
Ihr Alltag ist durchgetaktet und eigen: Leo steht immer nur dann auf, wenn in seiner Lavalampe eine grüne Blase aufsteigt, er scheint sich ausschließlich von Frosties mit Milch zu ernähren und wenn er das Haus verlässt, um zur Bushaltestelle zu gehen, geht das nur indem er immer zwei Stufen runter und dann wieder eine hoch nimmt. Kurz: Leo ist anders, seine Welt ist eigen und nur Pina kennt die Regeln, nach denen er und seine Welt funktionieren. Für die übrigen Bewohner des Hauses an der Hansastraße ist Leo „der merkwürdige Junge“.
Jetzt sind die Hausbewohner plötzlich für den “merkwürdigen Jungen” verantwortlich
Doch von heute auf morgen haben sie – die sozialphobisch-lebensmüde Seniorin Inge, der freakige Einsiedler mit Glasfigurensammlung Wojtek und die aufsässige 16-jährige Schulabbrecherin Zola mit dem merkwürdigen Jungen zu tun. Denn Pina kippt während eines Einkaufs um, kommt nicht mehr nach Hause, sondern muss länger auf der Intensivstation bleiben. Magendurchbruch.
Zunächst sind die Nachbarn geschockt und überfordert. Was ist überhaupt passiert? Was ist mit Leo eigentlich los? Wie geht es weiter? Und die Frage aller Fragen: Sind wir jetzt etwa verantwortlich? Dafür, dass Leo in seine Arbeit kommt? Etwas zu essen bekommt? Und so weiter.
…und schließlich wachsen alle über sich hinaus
Was aus der Not entsteht, wird schließlich zu einem lebendigen Netzwerk nicht geahnter Möglichkeiten. Was am Anfang unmöglich scheint, wird für jede/n Einzelne/n doch möglich: Inge traut sich wieder vor die Tür. Zola kann sich nun doch vorstellen, Teil einer Herde zu sein und Wojtek überlegt, eine seiner Glasfiguren zu verkaufen, um zu seiner Internet-Freundin zu fliegen. Und Leo? Der fährt sogar Bus…
Die Situation zwingt alle, sich aus ihrer Komfortzone zu bewegen, ihren Spielraum zu erweitern. Und nach einer Weile wird klar: Nicht nur Leo braucht die Nachbarn, sondern die Nachbarn brauchen auch Leo. Das Hilfe-System ist also keine Einbahnstrasse, sondern ein Netzwerk im wahrsten Sinne. Auch für Pina. Was für sie als großes Unglück begann, entwickelt sich auch für sie zu einem großen Glück. Erst durch ihre Abwesenheit wird ihr bewusst, was sie all die Jahre alleine geschultert hat: Job, Haushalt und die besondere Care-Arbeit für ihren hilfsbedürftigen, erwachsenen Sohn. Was für eine Herausforderung, und zwar mental wie körperlich. Doch nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus hat sich das buchstäbliche ganze Dorf um ihren Sohn Leo herum organisiert, das es eigentlich immer bräuchte, um ein Kind zu erziehen.
Was das Buch aus systemischer Sicht spannend macht?
Was mir aufgefallen ist: Die Diagnose Autismus Spektrum Störung kam, wenn ich mich recht erinnere, vielleicht einmal im Roman vor. Sie spielt insofern keine Rolle. Leo lebt in seiner eigenen Welt. Das ist, was zählt. Aber: Alle anderen eben auch. In diesem Sinne stellt Vera Zischke, die übrigens selber pflegende Mutter ist, die Kategorien Normal/Anormal bzw. Gesund/Krank in Frage. Man könnte behaupten, dass Zischke so im konstruktivistischen Sinne Wahrheit hinterfragt. Denn: Wer bestimmt eigentlich, dass Leo “gestörter” und hilfsbedürftiger ist als alle anderen im Haus?
Ein Plädoyer für mehr Integration, Menschlichkeit und Wir-Gefühl
Vera Zischkes Roman ist nicht nur ein Plädoyer für mehr Integration und Menschlichkeit, sondern auch für ein Wir - mit all seinen Ambivalenzen, Schwächen und Stärken - das sich selbst organisiert. Der Roman erzählt auch, wie eine Veränderung plötzlich über ein System hereinbricht, das zunächst in Schockstarre verfällt, teils in Trauer, um sich dann peu à peu mit der Situation zu arrangieren. In diesem Sinne ist “Pina fällt aus” für mich auch eine eindrückliche Geschichte über einen Veränderungsprozess sowie eine Gemeinschaft und wie sie gelingen kann - mit viel Liebe, Zuneigung und Humor.