Methodenkoffer: Was ist eigentlich das Tetralemma? Oder: Vom Dilemma zum erweiterten Handlungsspielraum

Das Tetralemma ist eine Methode, um Klarheit in ambivalenten Situationen zu gewinnen. Coachees können - wenn sie möchten - mit dieser Form der Strukturaufstellung vor allem eins: Ins Spüren kommen. Erfahren, wie sich verschiedene Varianten anfühlen. In diesem Sinne ist das Tetralemma auch ein Gegenmodell zu kognitiv-analytischen Pro-und-Kontra-Listen als Tool zur Entscheidungsfindung. Was ist das Tetralemma aber genau und wie funktioniert diese Methode?

Das Tetralemma ist fester Bestandteil in meinem Methodenkoffer. Ich liebe diese Methode so sehr, weil sie mir selber mal aus der Zwickmühle geholfen hat - mit weitreichenden Folgen. Ich wende sie gerne an, wenn Coachees sich nicht zwischen A und B entscheiden können, wenn sie ein Dilemma haben, wenn sie einer Entscheidung gegenüber ambivalent sind. Das Tetralemma kann dann dafür sorgen, dass aus den angenommenen zwei Handlungsoptionen (Dilemma) mehrere werden, der Blick und die damit verbundenen Optionen sich weiten. Oder: Eine Variante fühlt sich ganz klar als die Richtige an. Wie funktioniert diese Methode aber nun konkret?

Das Tetralemma ist eine Form der Systemischen Strukturaufstellung, die Insa Sparrer und Matthias Varga von Kíbed entwickelt haben. “Sie dient der Entscheidungsfindung, der Vereinigung von Gegensätzen, der Klärung von Standpunkten, der Überprüfung von Werten, der Aufhebung von Blockaden, der Sichtbarmachung von Übersehenem usw.” (Renate Daimler + Insa Sparrer + Matthias Varga von Kíbed: Basics der Strukturaufstellungen, Kösel Verlag, 2008, S.110) In diesem Sinne ist das Tetralemma auch für viele Settings geeignet: In Supervisionen, Coachings oder Beratungssettings - sowohl beruflich als auch privat, einzeln oder in der Gruppe durchführbar.

Wie fühlt sich “Das Eine” an? Welche Bilder, Gerüche oder Farben tauchen auf?

Ich führe das Tetralemma meistens so durch: Auf dem Boden markiere ich mit zwei Seilen vier Positionen. Die erste Position (Bild, oben links) ist “Das Eine”. Schräg gegenüber befindet sich Position zwei (Bild, unten rechts), “Das Andere” betitelt. Position drei (Bild, oben rechts) heißt “Beides”. Schräg gegenüber ist Position vier (Bild, unten links): Keins von beiden. Zusätzlich gibt es noch das freie Element “Etwas ganz Anderes”. Der/Die Coachee stellt sich nun nacheinander - der Reihenfolge nach - in die verschiedenen Felder - begleitet von seinem/ihrem Coach. Wie fühlt es sich wo an? Was für Bilder, Gedanken, Gerüche oder Farben tauchen auf? Was für Fragen? Wie steht der/die Coachee da? Schwankend oder fest verankert? Wirkt die Person unruhig? Will sie möglichst schnell in eine andere Position? Lächelt sie, sobald sie die eine Position betritt? Fragen wie diese und andere können zentral sein. Teilweise ist es erstaunlich, als Coach zu beobachten, wie stark die Coachees spüren, was das jeweilige Feld für sie bedeutet oder eben nicht bedeutet.

Ein sehr häufiges Dilemma, das mir in meiner Arbeit begegnet, ist mit der Frage “Soll ich bleiben oder gehen?” verbunden. Sowohl im Arbeitskontext als auch im Privatleben. Und auch ich selber stand schon vor dieser Frage im Arbeitsleben und konnte mit Hilfe des Tetralemmas zu einer Entscheidung finden bzw. eine langjährige Blockade lösen, die mich bisher an der Entscheidung gehindert hatte. Ich war mir schon jahrelang nicht mehr sicher, ob ich in meinem Beruf und dem damit verbundenen Arbeitsplatz (Journalismus, ÖRR) bleiben soll oder den Schritt ins komplett Neue (Systemische Beratung/Coaching, selbständig) wagen kann. Nachdem ich mich voll und ganz auf ein Tetralemma in meiner damaligen Peergroup eingelassen hatte, gab es keinen Weg mehr zurück. Für mich fühlte es sich so klar wie nie zuvor an, dass ich einen neuen Weg gehen wollte. Der Knackpunkt war, dass ich im Feld “Das Andere” so stark empfunden hatte, wie gut sich dieses Neue anfühlen würde, so dass ich die anderen Varianten für mich ausschließen konnte. (Tatsächlich habe ich knapp zwei Wochen später gekündigt und bis heute habe ich diesen Schritt nie bereut.)

Die klare Struktur des Tetralemmas gibt Orientierung

So schnell und eindeutig wie in meinem Fall, kann und muss der Prozess aber gar nicht durchlaufen werden. Denn grundsätzlich dienen die “vier Positionen im Tetralemma als so etwas wie eine Landkarte, die uns Orientierung gibt. Mit einer klaren Struktur, um einen Prozess zu durchlaufen. (…) Und auch das Gesicht unseres Dilemmas verändert sich von Position zu Position. So kann es vorkommen, dass das zunächst unattraktive “Das Eine” wieder neu und attraktiv wird, nachdem alle anderen Positionen erforscht wurden.” ( Basics der Strukturaufstellungen, S. 111) So ist das Tetralemma in gewisser Weise auch eine Entwicklungsspirale, die ständig neue Erkenntnisse ermöglicht.

Es gibt auch noch unterschiedliche Ausführungen des Tetralemmas. In Gruppen ist es auch möglich, die verschiedenen Felder mit Menschen zu besetzen. Menschen, die der/die Coachee aussucht für die jeweilige Position. Eine Variante, die noch dynamischer ist, weil die aufgestellten Personen - anders als Bodenanker - dann noch zusätzlich zur Dynamik beitragen können.

Buch-Tipp: Renate Daimler + Insa Sparrer + Matthias Varga von Kíbed: Basics der Strukturaufstellungen, Kösel Verlag, 2008.

Mehr über Insa Sparrer und Matthias Varga von Kíbed: https://www.syst.info/de/ueber-uns

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